Die britische Glücksspielbranche steht vor einem Finanzierungsdilemma: Während das Forschungs- und Innovationsinstitut UKRI eine neue Leitungsposition für Glücksspielforschung ausschreibt, drohen drastische Steuererhöhungen die Finanzierungsgrundlage der gesamten Initiative zu untergraben. Die gesetzliche Abgabe, die jährlich 90 bis 100 Millionen Pfund für Forschung, Prävention und Behandlung von Spielsucht bereitstellt, könnte durch die geplanten Steuererhöhungen erheblich schrumpfen.
Neue Führungsposition soll Glücksspielforschung koordinieren
Das Arts and Humanities Research Council sucht bis zum 13. April einen Leiter für das Research Programme on Gambling (RPG). Die auf 24 Monate befristete Position soll das komplexe Forschungsprogramm zu spielbedingten Schäden koordinieren und eine stabile Governance-Struktur etablieren. Der neue Leiter wird ein zentrales Forschungszentrum aktivieren und das Programm als verlässliche Institution in Regierung und Fachwelt positionieren.
Die Rolle umfasst strategische Planung, Risikobewertung und die Koordination zwischen verschiedenen UKRI-Gremien. Besonders herausfordernd: Die Position muss komplexe Investitionen steuern und gleichzeitig eine klare Monitoring- und Evaluationsstrategie umsetzen, während regelmäßig an das Department for Culture, Media and Sport berichtet wird. Zu den Kernaufgaben gehört auch die Entwicklung interdisziplinärer Forschungsansätze, die Psychologie, Neurowissenschaften und Sozialwissenschaften verbinden.
Das RPG-Programm wurde 2019 als Reaktion auf die wachsende Besorgnis über spielbedingte Schäden ins Leben gerufen. Seitdem hat es bereits mehrere bahnbrechende Studien finanziert, die neue Erkenntnisse über Suchtmechanismen und Präventionsstrategien lieferten. Die neue Führungsposition soll diese Arbeit systematisieren und auf eine breitere wissenschaftliche Basis stellen.
Finanzierungschaos belastet Hilfsorganisationen
Parallel zur Stellenausschreibung herrscht bei Organisationen, die Hilfe für Spielsüchtige anbieten, erhebliche Unsicherheit. Das Gambling Lived Experience Network (GLEN) kritisiert scharf, dass Förderentscheidungen erst zwei Wochen vor Beginn der neuen Mittelverwendung kommuniziert wurden. Diese kurzfristige Mitteilung erschwert die Planung und gefährdet bestehende Hilfsangebote.
GLEN bemängelt zudem fehlende Transparenz bei der Mittelvergabe und unzureichende Fachkenntnisse der entscheidenden Behörden. Das Office for Health Improvement and Disparities musste zusätzliche Aufgaben übernehmen, obwohl es wenig Erfahrung im Bereich Glücksspielprävention besitzt und gleichzeitig interne Personalkürzungen bewältigen muss.
Besonders problematisch ist die Situation für kleinere Beratungsstellen, die oft nur wenige Monate im Voraus planen können. Viele haben bereits Mitarbeiter entlassen oder Programme eingestellt, da sie nicht wissen, ob ihre Finanzierung fortgesetzt wird. Dies betrifft insbesondere spezialisierte Dienste für vulnerable Gruppen wie junge Erwachsene oder Menschen mit Migrationshintergrund.
Abgabenstruktur basiert hauptsächlich auf Online-Segment
Die jährliche Abgabe wird nach Betreiberart gestaffelt erhoben: Online-Anbieter zahlen 1,1 Prozent ihres Bruttospielertrags, Casinos und Buchmacher 0,5 Prozent, Bingo-Betreiber nur 0,2 Prozent. Die Mittel werden auf drei Bereiche verteilt:
- 50 Prozent für Behandlungs- und Unterstützungsdienste
- 30 Prozent für Prävention und frühzeitige Intervention
- 20 Prozent für Forschung und Programmsteuerung
Problematisch: Über 80 Prozent der Einnahmen stammen aus dem Online-Bereich, mehr als die Hälfte allein vom Online-Gaming. Diese Konzentration macht das System anfällig für Marktveränderungen. Die Gambling Commission beobachtet diese Entwicklung mit wachsender Sorge, da traditionelle Glücksspielformen wie Spielhallen und Lotterien kontinuierlich an Bedeutung verlieren.
Die aktuelle Struktur spiegelt den digitalen Wandel der Branche wider: Während 2010 noch etwa 60 Prozent der Glücksspieleinsätze in physischen Einrichtungen getätigt wurden, sind es heute weniger als 20 Prozent. Diese Verschiebung hat die Einnahmen aus der Abgabe zwar stabilisiert, macht sie aber gleichzeitig vulnerabler für regulatorische Eingriffe im Online-Bereich.
Steuererhöhungen bedrohen Finanzierungsgrundlage
Ab April steigt die Remote-Gaming-Abgabe von 21 auf 40 Prozent – eine Verdopplung, die den Markt erheblich belasten wird. Ab 2027 kommt eine zusätzliche Wettabgabe von 25 Prozent für Online-Wetten hinzu. Experten wie Dan Waugh von Regulus Partners warnen vor den Folgen: Schrumpft der lizenzierte Markt durch höhere Steuern, sinken automatisch die Einnahmen für Suchtprävention und -behandlung.
Die Gefahr einer Verlagerung zu unlizenzierteren Anbietern ist real. Jeder Rückgang im legalen Online-Segment würde die Finanzierung der Hilfs- und Präventionsprogramme direkt treffen, da diese vollständig von den Umsätzen des regulierten Marktes abhängen. Branchenverbände schätzen, dass die Steuererhöhungen zu einem Rückgang der Abgabeneinnahmen um 20 bis 30 Prozent führen könnten.
Internationale Erfahrungen aus anderen Märkten zeigen ähnliche Muster: In Frankreich führten drastische Steuererhöhungen 2020 zu einem signifikanten Anstieg illegaler Glücksspielangebote, während die Einnahmen für Suchtprävention sanken. Deutschland erlebt seit der Einführung des neuen Glücksspielstaatsvertrags ähnliche Herausforderungen.
Strukturelle Schwächen gefährden langfristige Ziele
Das britische System zeigt exemplarisch ein Dilemma moderner Glücksspielregulierung: Einerseits sollen höhere Steuern die Branche stärker zur Verantwortung ziehen, andererseits untergraben sie die Finanzierung der Programme, die genau diese Verantwortung umsetzen sollen. Die Abhängigkeit von einer einzigen Einnahmequelle macht das gesamte Hilfssystem verwundbar.
Experten fordern daher eine grundlegende Reform des Finanzierungsmodells. Vorschläge reichen von einer staatlichen Grundfinanzierung bis hin zu alternativen Abgabenstrukturen, die weniger konjunkturanfällig sind. Die neue Leitungsposition für Glücksspielforschung könnte eine Schlüsselrolle bei der Entwicklung nachhaltiger Finanzierungsmodelle spielen.
Ohne Anpassungen des Finanzierungsmodells könnten die ambitionierten Forschungs- und Präventionsziele der britischen Glücksspielreform an ihrer eigenen Finanzierungslogik scheitern. Die neue Leitungsposition steht damit vor der Herausforderung, nicht nur ein Forschungsprogramm aufzubauen, sondern auch dessen langfristige Finanzierung zu sichern. Dies erfordert innovative Ansätze und möglicherweise eine grundlegende Neuausrichtung der britischen Glücksspielpolitik.














