Die niederländischen Oppositionsparteien fordern ein vollständiges Werbeverbot für Online-Glücksspiele und drastisch höhere Bußgelder. Der Vorstoß von ChristenUnie und Sozialistischer Partei reagiert auf die stark gestiegene Zahl problematischer Spieler seit der Marktöffnung 2021. Mit rund 450.000 registrierten Online-Spielern, davon 22 Prozent junge Erwachsene zwischen 18 und 21 Jahren, sehen die Politiker dringenden Handlungsbedarf.
Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache: Seit der Liberalisierung des niederländischen Glücksspielmarktes durch das KOA-Gesetz (Kansspelwet op afstand) ist die Anzahl der problematischen Spieler um über 40 Prozent gestiegen. Besonders besorgniserregend ist der hohe Anteil junger Erwachsener, die als besonders vulnerable Gruppe gelten. Experten warnen vor den langfristigen gesellschaftlichen Kosten dieser Entwicklung.
Komplettes Werbeverbot für iGaming gefordert
Die Parteivorsitzenden Mirjam Bikker und Sarah Dobbe argumentieren, dass Werbung für Online-Spielautomaten inzwischen allgegenwärtig geworden sei. Von Mobilgeräten bis zu Einkaufsstraßen – überall würden potenzielle Spieler mit entsprechenden Angeboten konfrontiert. Ein vollständiges Werbeverbot soll den wachsenden Einfluss dieser Angebote eindämmen und vulnerable Gruppen besser schützen.
Derzeit investieren lizenzierte Anbieter in den Niederlanden jährlich über 200 Millionen Euro in Werbemaßnahmen. Diese massive Präsenz in sozialen Medien, im Fernsehen und auf Werbetafeln hat zu einer Normalisierung des Glücksspiels geführt, kritisieren Suchtexperten. Länder wie Belgien und Italien haben bereits ähnliche Werbeverbote eingeführt und positive Erfahrungen gemacht.
Bußgelder sollen um das Zehnfache steigen
Besonders drastisch sind die Forderungen bei den Sanktionen: Die Opposition will die maximalen Bußgelder von derzeit 10 Prozent des Jahresumsatzes auf bis zu 100 Prozent erhöhen. Diese Verschärfung folgt auf den Fall Novatech, der kürzlich 25 Millionen Euro Strafe zahlen musste, weil das Unternehmen ohne gültige Lizenz niederländische Spieler ansprach. KSA-Vorsitzender Michel Groothuizen hatte bereits erklärt, höhere Bußgeldrahmen wären “dem Ausmaß des Verstoßes gerechter”.
Die aktuelle Bußgeldstruktur wird von Kritikern als zu lasch empfunden. Große internationale Konzerne können die derzeitigen Strafen als “Geschäftskosten” verbuchen, ohne ihr Verhalten grundlegend zu ändern. Mit den geplanten Verschärfungen könnten Verstöße existenzbedrohend werden – ein deutliches Abschreckungssignal an die Branche.
Kansspelautoriteit soll mehr Befugnisse erhalten
Die Glücksspielaufsicht KSA soll deutlich erweiterte Durchsetzungsbefugnisse bekommen. Derzeit können Verstöße gegen das Glücksspielrecht nicht konsequent genug verfolgt werden, kritisieren die Oppositionsparteien. Die vorgeschlagenen Reformen würden der Behörde schärfere Instrumente an die Hand geben, um gegen regelwidrige Anbieter vorzugehen.
Konkret soll die KSA das Recht erhalten, Zahlungsdienstleister und Internetprovider zur Blockierung unrechtmäßiger Angebote zu verpflichten. Bisher waren solche Maßnahmen nur über langwierige Gerichtsverfahren durchsetzbar. Die erweiterten Befugnisse würden auch die Möglichkeit umfassen, verdächtige Finanzströme einzufrieren und Lizenzen sofort zu entziehen.
Selbstausschluss wird auf zwölf Monate verlängert
Auch das nationale Selbstausschlussregister Cruks soll verschärft werden. Die Mindestdauer einer Sperre würde von sechs auf zwölf Monate verdoppelt. Diese Maßnahme zielt darauf ab, gefährdete Personen besser zu schützen und zu verhindern, dass sie zu früh wieder in problematische Spielmuster zurückfallen.
Suchtforscher unterstützen diese Verlängerung, da sechs Monate oft nicht ausreichen, um eine stabile Abstinenz zu entwickeln. Internationale Studien zeigen, dass die meisten Rückfälle in den ersten acht Monaten nach einem Selbstausschluss auftreten. Die verlängerte Sperrzeit könnte daher einen wichtigen Beitrag zur nachhaltigen Spielerprävention leisten.
Offshore-Anbieter bleiben Herausforderung
Ein strukturelles Problem bleibt jedoch bestehen: Der Umgang mit Offshore-Betreibern gestaltet sich weiterhin schwierig. Im Fall Novatech entzog sich das Unternehmen der niederländischen Aufsicht, indem es einfach seine Lizenz auf Curaçao aufgab. Solche Ausweichmanöver zeigen die Grenzen nationaler Regulierung auf, auch wenn die vorgeschlagenen Verschärfungen durchaus abschreckende Wirkung entfalten könnten.
Die niederländische Regierung prüft daher zusätzlich internationale Kooperationen zur Bekämpfung illegaler Anbieter. Gespräche mit anderen EU-Mitgliedstaaten und Offshore-Jurisdiktionen sollen eine koordinierte Vorgehensweise ermöglichen. Besonders die Zusammenarbeit mit Malta und Gibraltar, wichtigen Lizenzstandorten für Online-Glücksspiel, steht im Fokus.
Branche reagiert mit Kritik auf Verschärfungspläne
Die Glücksspielbranche reagiert erwartungsgemäß kritisch auf die Verschärfungspläne. Branchenverbände warnen vor einem Rückgang der Steuereinnahmen und einer möglichen Abwanderung in den Schwarzmarkt. Sie argumentieren, dass übermäßige Regulierung das Gegenteil des gewünschten Effekts bewirken könnte.
Lizenzierte Anbieter befürchten zudem Wettbewerbsnachteile gegenüber illegalen Anbietern, die sich nicht an niederländische Vorschriften halten müssen. Die Branche plädiert stattdessen für gezieltere Maßnahmen und eine stärkere Fokussierung auf Aufklärung und Prävention.
Die Debatte um die Glücksspielregulierung läuft parallel zu den laufenden Reformen des KOA-Gesetzes. Branchenbeobachter erwarten, dass sich der niederländische iGaming-Markt in diesem Jahr grundlegend wandeln wird – hin zu einem der strengsten regulierten Märkte Europas. Die endgültige Entscheidung über die vorgeschlagenen Verschärfungen wird für das zweite Quartal 2024 erwartet.
















