Die niederländische Glücksspielaufsicht KSA stellt Mittel aus dem Verslavingspreventiefonds für fünf neue Präventionsprojekte bereit. Der Fonds wird durch eine Abgabe auf Anbieter riskanter Glücksspielprodukte finanziert und soll langfristig Strukturen gegen Spielsucht aufbauen. Die geförderten Initiativen setzen auf eine Kombination aus Selbsthilfe, medizinischen Leitlinien und gezielter Präventionsarbeit. Mit dieser umfassenden Strategie positionieren sich die Niederlande als Vorreiter in der systematischen Bekämpfung von Glücksspielsucht in Europa.
Vier Organisationen erhalten Förderung für unterschiedliche Ansätze
Die AGOG-Stiftung baut ihre Selbsthilfeangebote aus und führt digitale Gruppenformate ein. Diese Online-Plattformen ermöglichen es Betroffenen, auch in ländlichen Gebieten oder bei eingeschränkter Mobilität Zugang zu Unterstützung zu finden. Die Stiftung plant außerdem die Entwicklung einer mobilen App, die 24/7 Krisenintervention und Peer-Support bietet.
Parallel dazu entwickelt die Niederländische Vereinigung für Psychiatrie erstmals einheitliche klinische Richtlinien für die Behandlung von Glücksspiel- und Gaming-Sucht. Diese Standardisierung ist besonders wichtig, da bisher verschiedene Behandlungsansätze parallel existierten, ohne dass deren Wirksamkeit systematisch verglichen wurde. Die neuen Leitlinien sollen evidenzbasierte Therapieformen etablieren und die Qualität der Behandlung landesweit vereinheitlichen.
Das renommierte Trimbos-Institut startet zwei ambitionierte Pilotprogramme: Das erste integriert Präventionsmodule in bestehende Jugendinitiativen wie Sportvereine und Bildungseinrichtungen. Dabei werden Trainer und Pädagogen geschult, um frühzeitig Warnsignale zu erkennen. Das zweite Programm richtet sich an Arbeitgeber und vermittelt Führungskräften Kompetenzen im Erkennen von Spielsuchtanzeichen bei Mitarbeitern, wie etwa häufige Geldsorgen oder Konzentrationsprobleme.
Die Stichting Naast konzentriert sich auf die oft vernachlässigten Angehörigen und bietet Online-Beratungen sowie Webinare an. Familienmitglieder leiden häufig unter enormem psychischen Druck und finanziellen Belastungen, erhalten aber selten professionelle Unterstützung. Das Programm umfasst auch Schulungen für Therapeuten, um Co-Abhängigkeit und sekundäre Traumatisierung besser behandeln zu können.
Verslavingspreventiefonds als nachhaltiges Finanzierungsmodell
Der seit 2021 bestehende Fonds stellt eine innovative Herangehensweise dar: Glücksspielanbieter finanzieren durch ihre Abgaben direkt die Prävention der Schäden, die ihre Produkte verursachen können. Die Abgabe beträgt derzeit 0,5% des Bruttospielerlöses und generiert jährlich mehrere Millionen Euro für Präventionsmaßnahmen. Dieses Verursacherprinzip schafft eine nachhaltige Finanzierungsbasis und macht Präventionsarbeit unabhängiger von staatlichen Haushalten.
Andere europäische Länder beobachten das niederländische Modell mit großem Interesse, da es Prävention als integralen Bestandteil der Glücksspielregulierung etabliert. Deutschland diskutiert bereits ähnliche Ansätze, während Frankreich und Belgien Machbarkeitsstudien für vergleichbare Fonds durchführen. Die Europäische Kommission hat das niederländische System als “Best Practice” für verantwortungsvolles Glücksspiel eingestuft.
Minderjährige bleiben trotz Kontrollen gefährdet
Untersuchungen der KSA zeigen, dass lizenzierte Online-Glücksspielanbieter durch strenge Altersverifikation Minderjährige weitgehend ausschließen. Die Erfolgsquote liegt bei über 99%, was die Wirksamkeit der regulierten Systeme unterstreicht. Das eigentliche Problem liegt bei illegalen Anbietern, die bewusst auf Identitätsprüfungen verzichten und Jugendliche über soziale Medien wie TikTok, Instagram und YouTube ansprechen.
Diese Plattformen nutzen aggressive Marketingstrategien und locken mit unrealistischen Gewinnversprechen, ohne über die finanziellen Risiken aufzuklären. Besonders problematisch sind Influencer-Kooperationen, bei denen bekannte Content-Creator Glücksspielseiten bewerben, ohne deren illegalen Status zu erwähnen. Die KSA hat bereits über 200 solcher Verstöße dokumentiert und arbeitet mit den Plattformbetreibern an schärferen Kontrollen.
Vier kritische Schwachstellen im Jugendschutz identifiziert
Die Behörde hat vier Hauptproblembereiche ausgemacht:
- Fehlende Altersverifikation bei nicht-lizenzierten Anbietern
- Werbung, die gezielt jüngere Zielgruppen anspricht
- Mangelnde elterliche Kontrolle bei Online-Zugängen
- Unzureichendes Wissen über rechtliche und gesundheitliche Folgen
Die Bekämpfung erfolgt über verstärkte Zusammenarbeit zwischen Behörden, gezielten Aufklärungskampagnen und technische Überwachung der Glücksspielsysteme. Zusätzlich werden Schulprogramme entwickelt, die Medienkompetenz und Risikobewusstsein fördern. Die KSA plant außerdem eine nationale Hotline für Jugendliche und deren Eltern.
Europäischer Trend zur systematischen Spielsuchtprävention
Das niederländische Vorgehen fügt sich in einen europäischen Trend ein: Auch Norwegen hat einen Vierjahresplan gegen jugendliche Spielsucht gestartet und investiert umgerechnet 15 Millionen Euro in Präventionsmaßnahmen. Das Vereinigte Königreich hat sein Budget für Resilienz- und Präventionsmaßnahmen auf 100 Millionen Pfund verdoppelt. Schweden führt derzeit ein ähnliches Abgabensystem wie die Niederlande ein.
Diese Entwicklung zeigt einen fundamentalen Paradigmenwechsel: Spielsuchtprävention wird zunehmend als Teil der öffentlichen Gesundheitsvorsorge betrachtet, nicht mehr nur als nachgelagerte Schadensbegrenzung. Wissenschaftliche Studien belegen, dass präventive Maßnahmen deutlich kosteneffizienter sind als nachträgliche Behandlungen.
Die niederländische Initiative könnte als Blaupause für andere EU-Länder dienen. Die Kombination aus nachhaltiger Finanzierung, evidenzbasierten Maßnahmen und der Einbindung verschiedener Akteure zeigt, wie systematische Prävention funktionieren kann. Entscheidend wird sein, ob die geförderten Projekte messbare Erfolge erzielen und das Modell auf andere Märkte übertragbar ist. Erste Evaluierungsergebnisse werden für Ende 2024 erwartet.
















