Bremen will die Altersgrenze für Online-Glücksspiel von 18 auf 21 Jahre anheben und damit an die bereits geltenden Regeln für Spielhallen anpassen. Die Initiative der Bremer Innenbehörde zielt darauf ab, junge Erwachsene besser vor Spielsucht zu schützen und die unterschiedliche Behandlung von analogem und digitalem Glücksspiel zu beenden. Der Vorstoß erfolgt vor dem Hintergrund steigender Zahlen problematischen Spielverhaltens in der jüngsten Zielgruppe.
Warum 18- bis 25-Jährige besonders gefährdet sind
Wissenschaftliche Studien belegen, dass junge Erwachsene zwischen 18 und 25 Jahren ein erhöhtes Risiko für problematisches Spielverhalten aufweisen. Der Grund liegt in der neurobiologischen Entwicklung: Während das Belohnungssystem in diesem Alter bereits voll aktiv ist, reift die Impulskontrolle erst später aus. Diese Diskrepanz macht junge Menschen anfälliger für spontane Entscheidungen beim Glücksspiel.
Neurowissenschaftliche Forschungen zeigen, dass der präfrontale Kortex, der für rationale Entscheidungen und Risikoabwägung zuständig ist, erst im Alter von etwa 25 Jahren vollständig ausgereift ist. Gleichzeitig ist das Dopaminsystem, das für Belohnungsempfinden verantwortlich ist, in der späten Adoleszenz und im frühen Erwachsenenalter besonders aktiv. Diese biologische Konstellation erklärt, warum gerade Online-Glücksspiele mit ihren schnellen Spielabläufen und sofortigen Belohnungszyklen für diese Altersgruppe besonders verlockend sind.
- Überdurchschnittlich aktives Belohnungssystem im Gehirn
- Noch nicht vollständig entwickelte Impulskontrolle
- Geringere Erfahrung im Umgang mit finanziellen Risiken
- Höhere Affinität zu digitalen Spielformen
- Verstärkte Risikobereitschaft in der Entwicklungsphase
- Soziale Medien verstärken Glücksspielwerbung
Bremen als Vorreiter bei Glücksspielregulierung
Das Bundesland hat bereits 2022 seine Glücksspielregeln verschärft und das Mindestalter für Spielhallen auf 21 Jahre angehoben. Gleichzeitig verdoppelte Bremen den vorgeschriebenen Mindestabstand zwischen Glücksspielstätten von 250 auf 500 Meter. Diese Maßnahmen führten zu einer spürbaren Reduzierung der Spielhallenstandorte und damit zu weniger Gelegenheiten für impulsives Spielen.
Die Bremer Innenbehörde kann bereits erste positive Ergebnisse vorweisen: Die Zahl der Spielhallen sank von ursprünglich über 100 auf etwa 60 Standorte. Parallel dazu gingen die registrierten Fälle von Spielsucht bei jungen Erwachsenen um etwa 25 Prozent zurück. Diese Erfolge motivieren Bremen nun, auch im Online-Bereich aktiv zu werden und eine einheitliche Altersgrenze durchzusetzen.
Regulierungslücke zwischen analog und digital
Während Spielhallen, Casinos und Wettbüros weiterhin der Länderaufsicht unterliegen, reguliert seit Juli 2022 die Gemeinsame Glücksspielbehörde der Länder (GGL) das Online-Glücksspiel bundesweit. Diese Zuständigkeitsteilung hat zu unterschiedlichen Altersgrenzen geführt: 21 Jahre für physische Standorte, aber nur 18 Jahre für Online-Angebote. Experten kritisieren diese Inkonsistenz als nicht nachvollziehbar.
Professor Dr. Tobias Hayer von der Universität Bremen, ein führender Glücksspielforscher, bezeichnet die aktuelle Rechtslage als “paradox”: “Wir schützen junge Menschen vor Spielhallen, lassen sie aber ungehindert online spielen, obwohl die Suchtgefahr dort sogar höher ist.” Online-Glücksspiele seien rund um die Uhr verfügbar, böten höhere Spielfrequenzen und nutzten ausgefeiltere psychologische Mechanismen zur Spielerbindung.
Technische Hürden bei der Online-Alterskontrolle
Die Umsetzung einer höheren Altersgrenze im Internet bringt praktische Herausforderungen mit sich. Online-Anbieter müssen bereits jetzt das Alter ihrer Kunden verifizieren, doch die Kontrolle ist aufwendiger als an physischen Standorten. Moderne Verfahren wie Videoident oder PostIdent-Verfahren könnten jedoch auch eine 21-Jahre-Grenze zuverlässig durchsetzen.
Die GGL hat bereits ein mehrstufiges Verifikationssystem etabliert: Neben der Überprüfung von Ausweisdokumenten werden auch biometrische Daten und Wohnsitznachweise geprüft. Zusätzlich müssen Anbieter verdächtige Aktivitäten melden und haben Sorgfaltspflichten bei der Altersverifikation. Diese Infrastruktur ließe sich problemlos auf eine 21-Jahre-Grenze erweitern, argumentieren Befürworter der Reform.
Internationale Erfahrungen mit höheren Altersgrenzen
Deutschland steht mit seiner Diskussion nicht allein da. In den USA gilt bereits in vielen Bundesstaaten eine Altersgrenze von 21 Jahren für Glücksspiele. Auch Kanada diskutiert ähnliche Maßnahmen, nachdem Studien dort ebenfalls erhöhte Suchtrisiken bei jungen Erwachsenen festgestellt haben. Großbritannien hingegen hält an der 18-Jahre-Grenze fest, hat aber andere Schutzmaßnahmen wie Einzahlungslimits und Werbeverbote verschärft.
Auswirkungen auf Anbieter und Marktentwicklung
Eine bundesweite Anhebung der Altersgrenze würde Online-Glücksspielanbieter vor neue Herausforderungen stellen. Schätzungen zufolge könnten sie etwa 15 bis 20 Prozent ihrer jüngsten Zielgruppe verlieren. Gleichzeitig argumentieren Branchenvertreter, dass eine einheitliche Regelung Rechtssicherheit schaffe und unlauteren Wettbewerb zwischen verschiedenen Spielformen verhindere.
Der Deutsche Online Casinoverbund (DOCV) äußert sich zurückhaltend zu Bremens Initiative. Verbandssprecher Marcus Weber erklärt: “Wir unterstützen effektiven Jugendschutz, sehen aber die Gefahr, dass eine zu restriktive Regulierung Spieler zu nicht-lizenzierten Anbietern treibt.” Dort gebe es keinerlei Schutzmaßnahmen, was das Problem verschärfen könnte.
Unterstützung aus anderen Bundesländern
Bremens Initiative findet bereits Unterstützung in anderen Bundesländern. Niedersachsen und Schleswig-Holstein haben Interesse an einer gemeinsamen Bundesratsinitiative signalisiert. Auch aus Bayern kommen positive Signale, dort wird eine noch weitergehende Reform diskutiert, die auch strengere Werbeverbote umfassen könnte.
Bremens Vorstoß könnte bundesweite Signalwirkung entfalten und andere Länder zu ähnlichen Initiativen ermutigen. Die einheitliche Altersgrenze von 21 Jahren würde nicht nur den Jugendschutz stärken, sondern auch die Glücksspielregulierung konsistenter machen. Ob sich die Initiative durchsetzt, hängt von der Unterstützung anderer Bundesländer und der Bereitschaft der GGL ab, entsprechende Anpassungen vorzunehmen. Ein Beschluss könnte bereits im kommenden Jahr fallen, wenn genügend Länder die Initiative mittragen.














