Die italienische Fußballföderation FIGC steht vor einem Richtungswechsel: Zwei erfahrene Kandidaten kämpfen um den Vorsitz und präsentieren grundlegend verschiedene Konzepte für die Zukunft des Calcio. Giovanni Malagò und Giancarlo Abete wollen beide eine neue Abgabe auf Sportwetten einführen – doch ihre Pläne für die Verwendung der Mittel könnten unterschiedlicher nicht sein.
Zwei Visionen für die Zukunft des italienischen Fußballs
Malagò, der seit 2013 das Italienische Olympische Komitee CONI führt, setzt auf langfristige Strukturreformen mit Fokus auf Nachwuchsförderung und Stadionmodernisierung. Seine Vision: Systematische Investitionen in die Basis des italienischen Fußballs, um die internationale Konkurrenzfähigkeit zu stärken. Der 65-Jährige bringt umfangreiche Erfahrungen aus der Sportpolitik mit und genießt Rückhalt in Regierungskreisen.
Abete hingegen, der bereits von 2007 bis 2014 FIGC-Präsident war, priorisiert wirtschaftliche Stabilität und nachhaltige Entwicklung über alle Ligaebenen hinweg. Der erfahrene Funktionär kennt die internen Strukturen des italienischen Fußballs wie kaum ein anderer und verspricht pragmatische Lösungen für die aktuellen Herausforderungen.
Diese unterschiedlichen Ansätze spiegeln eine grundsätzliche Debatte im europäischen Fußball wider: Soll der Sport primär als gesellschaftliche Institution oder als Wirtschaftsfaktor behandelt werden?
Wettsteuer als Finanzierungsinstrument spaltet die Branche
Die geplante Abgabe auf Sportwetten zeigt zwei völlig verschiedene Philosophien auf. Der föderationsorientierte Ansatz will Erlöse aus dem Wettmarkt gezielt in Nachwuchsprogramme und Infrastruktur umleiten. Dabei sollen auch Medienrechte und Anti-Piraterie-Maßnahmen in ein ganzheitliches Finanzierungskonzept eingebunden werden. Experten schätzen das Potenzial der Wettsteuer auf jährlich 50 bis 80 Millionen Euro.
Der marktorientierte Gegenentwurf sieht dagegen direkte Investitionen der Wettbranche in die Vereine vor. Clubs könnten wieder Sponsoring-Partnerschaften mit regulierten Wettanbietern eingehen – ein Modell, das in anderen europäischen Ligen bereits etabliert ist. In der Premier League beispielsweise sind Wettanbieter prominente Trikotsponoren mehrerer Topvereine.
Die italienische Wettbranche hat bereits signalisiert, dass sie zu Kompromissen bereit ist. Branchenvertreter betonen, dass eine transparente Verwendung der Mittel Voraussetzung für ihre Zustimmung sei. Gleichzeitig fordern sie Mitspracherechte bei der Verteilung der Gelder.
Praktische Umsetzung bleibt fraglich
Beide Konzepte versprechen zusätzliche Mittel für Integrität und verantwortungsvolles Glücksspiel. Doch die Erfahrungen aus anderen Märkten zeigen: Solche Versprechen bleiben oft theoretisch. In Deutschland etwa fließt nur ein Bruchteil der Sportwetten-Erlöse tatsächlich in den Sport zurück. Frankreich hingegen hat mit seiner Wettsteuer positive Erfahrungen gemacht und konnte die Mittel erfolgreich für Nachwuchsförderung einsetzen.
Die italienische Regierung unter Giorgia Meloni hat bereits signalisiert, dass Sportwetten-Reformen Teil ihrer wirtschaftspolitischen Agenda sind. Sportminister Andrea Abodi soll zwischen FIGC, dem Nationalen Olympischen Komitee CONI und der Serie A vermitteln. Erste Gespräche haben bereits stattgefunden, konkrete Ergebnisse stehen jedoch noch aus.
Ein zentraler Streitpunkt ist die Höhe der geplanten Abgabe. Während Malagò eine Steuer von 0,5 Prozent auf alle Sportwetten-Umsätze vorschlägt, favorisiert Abete ein flexibles Modell, das sich an den Gewinnen der Anbieter orientiert.
Auswirkungen auf Vereine und Spielermarkt
Für die Serie A-Clubs könnte die Wahl weitreichende Folgen haben. Malagòs Umverteilungsmodell würde kleinere Vereine stärken, könnte aber die Investitionskraft der Topclubs begrenzen. Juventus Turin, Inter Mailand und AC Mailand haben bereits Bedenken geäußert, dass eine zentrale Mittelverteilung ihre Wettbewerbsfähigkeit in der Champions League beeinträchtigen könnte.
Abetes marktorientierter Ansatz verspricht dagegen neue Einnahmequellen, die im internationalen Wettbewerb um Spieler entscheidend sein könnten. Kleinere Vereine befürchten jedoch, dass sie bei diesem Modell benachteiligt werden könnten.
Die unterschiedlichen Ansätze spiegeln auch die strukturellen Probleme des italienischen Fußballs wider: Veraltete Stadien, schwächelnde Nachwuchsarbeit und sinkende internationale Konkurrenzfähigkeit erfordern dringend Investitionen. Die Serie A hat in den vergangenen Jahren an Attraktivität verloren und liegt bei den TV-Erlösen deutlich hinter der Premier League und La Liga.
Besonders die Nachwuchsförderung steht im Fokus der Reformpläne. Italien hat bei der letzten WM-Qualifikation versagt und kämpft mit einem Mangel an jungen Talenten. Beide Kandidaten versprechen, die Jugendakademien zu stärken und die Ausbildungsqualität zu verbessern.
Entscheidung mit europaweiter Signalwirkung
Das Wahlergebnis wird weit über Italien hinaus beachtet werden. Als eine der traditionsreichsten Fußballnationen Europas könnte Italien mit seiner Wettsteuer-Reform Vorbild für andere Länder werden. Spanien und Portugal beobachten die Entwicklung mit großem Interesse und erwägen ähnliche Modelle.
Gleichzeitig steht der italienische Fußball unter Druck, nach der verpassten WM-Qualifikation 2022 wieder an alte Erfolge anzuknüpfen. Die Nationalmannschaft, die 2021 noch Europameister wurde, muss sich für die WM 2026 qualifizieren und dabei auf eine neue Generation von Spielern setzen.
Die UEFA verfolgt die italienischen Reformpläne ebenfalls aufmerksam. Präsident Aleksander Čeferin hat bereits angekündigt, dass erfolgreiche nationale Modelle zur Finanzierung des Fußballs auf europäischer Ebene diskutiert werden könnten.
Die kommende FIGC-Wahl entscheidet somit nicht nur über Strukturreformen, sondern auch über die strategische Ausrichtung des italienischen Fußballs im europäischen Konkurrenzkampf. Ob Wettsteuer-Erlöse dabei tatsächlich zur Stärkung des Sports beitragen, wird sich erst in der praktischen Umsetzung zeigen. Die Wahl findet voraussichtlich im Februar 2024 statt und könnte richtungsweisend für die nächste Dekade des italienischen Fußballs werden.
















