Thailand beschleunigt sein Vorgehen gegen illegales Online-Glücksspiel: Eine neue Verordnung verkürzt das Sperrverfahren von Tagen auf Stunden. Bemerkenswerter als die Sperrzahlen ist allerdings, wen die Polizei während der Fußball-WM festgenommen hat – nämlich nicht nur Anbieter.
Die Dimension der Sperren
Zwischen dem 1. Oktober 2025 und dem 13. Juli 2026 hat das Ministerium für digitale Wirtschaft und Gesellschaft gemeinsam mit weiteren Behörden und Plattformbetreibern 883.012 rechtswidrige URLs gesperrt oder ausgesetzt. Den größten Anteil machte illegales Online-Glücksspiel aus: über 600.000 URLs, sämtlich auf Grundlage gerichtlicher Anordnungen.
Zum Vergleich der Entwicklungsgeschwindigkeit: Bis Ende Mai lag die Zahl noch bei 787.899 gesperrten Seiten, Social-Media-Konten und URLs – davon 732.521 per Gerichtsbeschluss und 55.378 über die Zusammenarbeit mit Plattformen.
Neue Verordnung: Stunden statt Tage
Am 17. Juli 2026 erschien im Royal Gazette eine Bekanntmachung, die das Verfahren deutlich verkürzt. Sie stützt sich auf Section 20 des Computer Crime Act von 2007 samt Änderungen. Künftig können von Patchara Anuntasilpa, dem Ständigen Sekretär für digitale Wirtschaft und Gesellschaft, benannte Beamte in dringenden Fällen direkt beim Gericht einen Antrag samt Beweismitteln einreichen, um eine Sperrung zu erwirken. Der Minister ist anschließend unverzüglich zu unterrichten.
Das Ministerium begründet den Schritt mit Verzögerungen im bisherigen Prüfverfahren – und damit, dass das Volumen rechtswidriger URLs von Zehntausenden auf Millionen gestiegen sei. Ziel ist eine Reaktionszeit von Stunden statt Tagen. Premierminister Anutin Charnvirakul gehört zu den Politikern, die härteres Vorgehen gegen Online-Kriminalität gefordert hatten.
WM-Operation: Auch Spieler im Visier
Zwischen dem 6. Juni und dem 19. Juli lief eine Sonderoperation gegen Fußballwetten. Die Bilanz, vorgelegt von Polizeigeneral Thana Chuwong, stellvertretender Polizeichef und Direktor des Technology Crime Suppression Center, fällt drastisch aus.
WM-Sonderoperation 6. Juni bis 19. Juli 2026
4.576 abgeschaltete Fußballwetten-Websites
617 festgenommene Buchmacher
8.181 festgenommene Online-Spieler
rund 558.000 gesperrte glücksspielbezogene URLs
20,5 Mrd. Baht aufgedeckte wettbezogene Transaktionen
Die Festnahmen von über 8.000 Wettkunden sind der eigentlich bemerkenswerte Teil dieser Zahlen. In Thailand wird nicht nur das Anbieten, sondern auch das Spielen verfolgt. Zum Vergleich: Während der WM 2014 nahm die Polizei insgesamt 5.064 Personen fest, 2010 rund 3.800.
Parallel läuft eine Kampagne gegen sogenannte Mule-Konten – Bankkonten von Strohleuten, die laut Thana das finanzielle Rückgrat der kriminellen Online-Syndikate bilden. Die Behörden verfolgen dabei eine „3-cut”-Strategie, die gleichzeitig auf Webseiten, Finanzströme und Werbetreibende zielt.
Wichtig für Reisende: Nach Section 14 des Computer Crime Act kann bereits das Teilen oder Weiterverbreiten glücksspielbezogener Inhalte strafbar sein – auch unwissentlich. Behörden warnen ausdrücklich davor, entsprechende Links auf digitalen Plattformen zu teilen; das kann als Werbung ausgelegt werden und dieselben Strafen nach sich ziehen wie die Teilnahme selbst.
Internationale Zusammenarbeit mit China
Anfang Juli traf Premierminister Charnvirakul den chinesischen Staatspräsidenten Xi Jinping. In einer gemeinsamen Erklärung bekräftigten beide Seiten, die Zusammenarbeit zwischen Strafverfolgungs- und Justizbehörden auszubauen – einschließlich Auslieferung und Rechtshilfe in Strafsachen, um transnationale Kriminalität wie illegales Glücksspiel wirksam zu bekämpfen.
Einordnung
Thailand betreibt eines der aufwendigsten Sperrregime der Region – und dennoch wächst das Problem schneller, als die Behörden sperren können. Genau das ist der Befund, den auch der UNODC-Bericht dieser Woche zieht: Umfassende Verbote in nachfragestarken Märkten unterdrücken die Nachfrage nicht, sie verlagern sie. Solange gespiegelte Domains in Minuten neu aufgesetzt werden, bleibt Sperren ein Wettlauf ohne Ziellinie.
Für den deutschen Markt ist der Fall vor allem als Kontrastfolie interessant: Thailand kriminalisiert die Spieler mit, Deutschland setzt auf ein lizenziertes Angebot mit Spielerschutzauflagen. Beide Wege haben Schwachstellen – aber nur einer produziert Vorstrafen für Menschen, deren eigentliches Problem oft eine Spielsucht ist.
Hilfe bei Glücksspielproblemen: Die Beratungsstelle der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung ist kostenfrei und anonym unter 0800 1 37 27 00 erreichbar. Weitere Informationen unter check-dein-spiel.de.
Quellen
- Asia News Network / The Nation – Thai digital ministry fast-tracks blocking as illegal URLs surge into millions (Juli 2026)
- Bangkok Post – World Cup betting crackdown nets thousands (22.07.2026)
- The Nation Thailand – Police crack down on 4,576 World Cup betting sites, arrest 617 bookmakers (22.07.2026)
- iGaming Expert – The monumental scale at which Thailand is tackling black market URLs (22.07.2026)
- The Star – Thailand fast-tracks online crackdown as illegal URLs surge into millions (22.07.2026)
- Wochenblitz – Thailand: Polizei schaltet 4.500 illegale Wettseiten ab (Juli 2026)














