In Großbritannien eskaliert der Streit um die geplanten Finanzprüfungen für Glücksspielkunden. Kritiker werfen der Gambling Commission vor, eine der größten Regulierungsmaßnahmen der Branchengeschichte ohne dauerhafte Führung und ohne veröffentlichte Datengrundlage durchzudrücken. Die Behörde sieht das anders – und für deutsche Leser ist die Debatte aus einem bestimmten Grund interessant.
Worum es geht
Im Kern steht die Frage, ob Glücksspielanbieter künftig automatisiert prüfen müssen, ob ein Kunde in finanziellen Schwierigkeiten steckt. Die Aufsicht nennt das Financial Risk Assessments (FRA), die Branche spricht von Affordability Checks. Vorgeschlagen wurden sie erstmals im Weißbuch der Vorgängerregierung 2023, ein sechsmonatiger Pilotversuch folgte.
Die Kritik: Peter Marcus
Peter Marcus, früher Global Head of Gaming Operations bei Entain, war nach eigener Aussage in der Frühphase des Verfahrens beteiligt und hielt die Maßnahmen schon damals für nicht praktikabel. Seit dem Abgang von CEO Andrew Rhodes habe die Kommission aufgehört, Branche und Forschung zuzuhören, und marschiere weiter, ohne die Konsequenzen zur Kenntnis zu nehmen. Zwei Jahre Forschung seien aus seiner Sicht vergeudet.
Marcus stellt dabei nicht infrage, dass Menschen ohne finanzielle Mittel vom Spiel abgehalten werden sollten – er hält nur den Weg für falsch. Sein Gegenvorschlag orientiert sich an Ansätzen von Auskunfteien wie Experian: prüfen, ob jemand seine Hypothek oder Kreditkarten nicht mehr bedient. Wer nachweislich in Schwierigkeiten steckt, solle Nachweise beibringen müssen – nicht die Breite der Kundschaft. Die Kommission habe den Finanzsektor nicht zur Datenweitergabe bewegen können und arbeite deshalb mit einem Behelfskonstrukt.
Streitpunkt Reichweite: Die Kommission betont, die Prüfungen beträfen nur 0,3 Prozent der Kunden. Marcus hält das für irreführend: Da ein Großteil der Kunden ohnehin nur rund 10 Pfund im Monat einsetze, treffe die Maßnahme überproportional jene Großkunden, aus denen der Sektor den Löwenanteil von Umsatz und Ertrag ziehe.
Der Hauptgrund für Abwanderung in den Schwarzmarkt sei aus seiner Sicht schlicht die Aufforderung, Dokumente einzureichen.
Der Vorwurf der fehlenden Führung
Besonders scharf äußert sich Marcus zur Personalsituation: Ein Nachfolger für Rhodes ist bis heute nicht ernannt. Wie könne eine Behörde eine Politik dieser Größenordnung beschließen – nach seiner Einschätzung folgenreicher als das Weißbuch selbst – ohne einen dauerhaft eingesetzten CEO, der die volle Verantwortung trägt? Kein börsennotiertes Unternehmen dürfte unter einem Interims-Chef vergleichbare Entscheidungen treffen; der Vorstand würde es nicht zulassen.
Betroffen seien vor allem mittelgroße und kleinere Anbieter, die zusätzlich unter Steuererhöhungen stünden.
Die Datenkritik des BGC
Grainne Hurst, Chief Executive des Betting and Gaming Council, äußerte „tiefe Enttäuschung” über die Umsetzung. Die Kommission habe die im eigenen Pilotversuch identifizierten Grundprobleme nicht ausgeräumt und nicht belegt, dass die zugrundeliegenden Daten genau, verlässlich und konsistent genug für regulatorische Entscheidungen seien.
Konkret habe der Pilot Widersprüche zwischen Auskunfteien offengelegt: Derselbe Kunde könne je nach Anbieter unterschiedlich bewertet werden. Kunden riskierten damit, auf Basis eines unerprobten Systems fälschlich als finanziell gefährdet eingestuft zu werden. Eine vollständige Auswertung des Pilotversuchs sei bis heute nicht veröffentlicht – weder Branche noch Öffentlichkeit hätten die Belege gesehen. Von „reibungslos” könne keine Rede sein, wenn Prüfungen zu unzuverlässigen Ergebnissen, unnötigen Kontosperrungen oder Dokumentenanfragen führten.
Die Gegenposition der Kommission
Die Aufsicht bestreitet die Prämisse der Kritik. Ian Angus, Policy-Direktor der Gambling Commission, wandte sich im Mai gegen aus seiner Sicht schlecht informierte oder unzutreffende Darstellungen: Financial Risk Assessments seien keine Affordability Checks unter anderem Namen. Die getesteten Prüfungen versuchten gar nicht erst zu bewerten, was ein Kunde sich leisten könne; die vorgeschlagenen Schwellenwerte begrenzten oder deckelten keine Ausgaben. Laut Kommission lösen weniger als drei Prozent der aktiven Kundenkonten überhaupt eine Prüfung aus.
Der Prozess ist zudem weniger abgeschlossen, als der Streit vermuten lässt. Das Board vertagte im Mai seine Entscheidung mit der Begründung, die Bewertung der Evidenz sei noch nicht abgeschlossen. Im Juli forderte der Kultur-, Medien- und Sportausschuss des Unterhauses unter Vorsitz von Dame Caroline Dinenage schriftlich Auskunft – unter anderem, ob die Kommission den vollständigen Datensatz, die Evidenzbasis und die Methodik veröffentlichen wird, und ob künftig mehr oder weniger Freizeitspieler Nachweise vorlegen müssen als bisher.
Einordnung: Deutschland als Warnbeispiel
Für deutsche Leser ist ein Detail der Debatte besonders bemerkenswert: Marcus zieht ausdrücklich den Vergleich mit Deutschland. Man steuere auf einen ähnlichen Weg zu, dessen Folgen dort verheerend seien – rund 60 Prozent des Online-Glücksspiels fänden auf dem Schwarzmarkt statt. Das wolle man in Großbritannien nicht, steuere bei fortgesetzten strikten Beschränkungen aber genau dorthin.
Diese Zahl stammt aus der Argumentation eines Branchenvertreters und sollte entsprechend eingeordnet werden – Schätzungen zur deutschen Kanalisierungsrate schwanken je nach Methodik und Auftraggeber erheblich. Bemerkenswert bleibt, dass der deutsche Markt in der britischen Regulierungsdebatte inzwischen als Negativreferenz dient. Wer hierzulande über Spielerschutz und Schwarzmarkt streitet, findet in London dieselbe Kernfrage: ab welchem Punkt Schutzmaßnahmen so viel Reibung erzeugen, dass sie Spieler dorthin treiben, wo es gar keinen Schutz gibt.
Quellen
- iGaming Expert – No leadership, no evidence – how did the Commission decide on affordability checks? (22.07.2026)
- SBC News – Gambling Commission: affordability thresholds „will not limit or cap customer spend” (21.05.2026)
- European Gaming – Gambling Commission: FRAs are not affordability checks (21.05.2026)
- Racing Post – Gambling Commission delays decision on affordability checks (21.05.2026)
- The Guardian / AOL – New twist in affordability checks row demands answers from Gambling Commission (15.07.2026)
- Gambling Commission – FOI: Development, implementation, and evaluation of „affordability checks”
















