Der belgische Glücksspielmarkt erlebt 2024 einen deutlichen Einbruch: Der Bruttospielertrag sank um 4,9 Prozent auf 1,61 Milliarden Euro. Damit endet eine mehrjährige Wachstumsphase, die nach der Pandemie begonnen hatte. Verschärfte Regulierung und demografische Beschränkungen setzen sowohl Online- als auch stationären Anbietern zu. Die belgische Glücksspielkommission (BGC) führt diese Entwicklung auf eine Kombination aus regulatorischen Eingriffen und veränderten Konsumgewohnheiten zurück.
Die Zahlen verdeutlichen einen Wendepunkt in der Branche: Während der Markt zwischen 2020 und 2023 kontinuierlich gewachsen war und zeitweise zweistellige Zuwachsraten verzeichnete, kehrt sich dieser Trend nun um. Experten warnen vor einer möglichen Destabilisierung des kontrollierten Glücksspielmarktes, da strenge Auflagen paradoxerweise den illegalen Sektor stärken könnten.
Online-Segment verliert trotz Marktführerschaft an Dynamik
Das digitale Glücksspiel, das mit 57 Prozent Marktanteil weiterhin dominiert, verzeichnete einen Umsatzrückgang von 2,7 Prozent auf 919,10 Millionen Euro. Besonders betroffen sind Spielhallen-Angebote, die online um mehr als 23 Prozent einbrachen. Casino-Spiele hingegen konnten sowohl digital als auch stationär zulegen – drei Viertel der Casino-Umsätze stammen inzwischen aus dem Netz.
Die Verschiebung von stationären zu digitalen Angeboten beschleunigte sich während der Corona-Pandemie und setzte sich fort. Online-Sportwetten blieben mit einem Anteil von 35 Prozent am Gesamtmarkt das wichtigste Segment, verloren jedoch an Wachstumsdynamik. Poker und andere Kartenspiele verzeichneten online sogar leichte Zuwächse von 3,2 Prozent, konnten aber die Verluste in anderen Bereichen nicht kompensieren.
Stationäre Anbieter kämpfen mit drastischen Verlusten
Landgestützte Betriebe traf es noch härter: Ihre Umsätze sanken um 7,5 Prozent auf 690,41 Millionen Euro. Wettbüros verloren bis zu 18 Prozent, Offline-Sportwetten 13,6 Prozent. Die Zahl lizenzierter Verkaufsstellen schrumpfte binnen zwei Jahren von 535 auf 408. Selbst große Sportevents konnten den Abwärtstrend nicht stoppen.
Traditionelle Spielhallen und Casinos leiden unter reduzierten Besucherzahlen und kürzeren Verweildauern. Die Fußball-Europameisterschaft 2024 und andere Großereignisse brachten nur temporäre Umsatzspitzen, konnten aber den strukturellen Rückgang nicht aufhalten. Viele kleinere Betreiber erwägen bereits Standortschließungen oder Geschäftsaufgaben, da die Rentabilität unter den neuen Bedingungen nicht mehr gewährleistet ist.
Neue Altersgrenze von 21 Jahren reduziert Kundenbasis erheblich
Seit 2023 gelten in Belgien verschärfte Regulierungsvorschriften. Die Anhebung der Altersgrenze auf 21 Jahre für alle Glücksspielarten schneidet eine wichtige Zielgruppe ab. Zusätzlich schränken neue Bonusrichtlinien Rabatte und Gutschriften deutlich ein. Werbebeschränkungen reduzieren die Sichtbarkeit lizenzierter Anbieter im öffentlichen Raum erheblich.
Die Altersgrenze von 21 Jahren ist europaweit eine der strengsten Regelungen und eliminiert schätzungsweise 15 Prozent der bisherigen Zielgruppe. Gleichzeitig wurden Einzahlungslimits für Neukunden auf 200 Euro pro Woche begrenzt, was besonders Online-Anbieter trifft. Werbung für Glücksspiele ist nun zwischen 6 und 21 Uhr im Fernsehen komplett verboten, Sponsoring von Sportvereinen stark eingeschränkt.
Unlizenzierte Anbieter profitieren von regulatorischen Lücken
Die strengeren Regeln führen zu ungewollten Nebeneffekten: Untersuchungen zeigen steigenden Verkehr zu ausländischen, unregulierten Glücksspielseiten. Besonders Männer zwischen 18 und 21 Jahren weichen auf diese Plattformen aus, die keine nationalen Schutzmechanismen wie Altersprüfung oder Selbstsperrsysteme bieten. Die Behörden blockieren zwar bestimmte Domains, können den Zustrom aber nicht vollständig unterbinden.
Studien der Universität Gent belegen einen Anstieg des Traffics zu illegalen Glücksspielseiten um 28 Prozent seit Einführung der neuen Bestimmungen. Diese Anbieter operieren oft von Malta, Curacao oder anderen Jurisdiktionen mit lockeren Auflagen. Sie locken mit höheren Boni, niedrigeren Limits und aggressiver Werbung, die in Belgien verboten wäre.
Finanzdienstleister erschweren legalen Anbietern das Geschäft
Ein zusätzliches Problem entsteht durch Compliance-Richtlinien der Banken: Viele Finanzdienstleister vermeiden Kooperationen mit Glücksspielunternehmen. Das begrenzt die Zahlungsabwicklung lizenzierter Betreiber und beeinträchtigt sowohl Liquidität als auch Kundenkomfort. Gleichzeitig verschieben manche Unternehmen ihre Produkte in Lizenzkategorien mit größerem Spielraum, was Umsatzvergleiche erschwert.
Große belgische Banken wie KBC und Belfius haben ihre Geschäftsbeziehungen zu Glücksspielanbietern stark reduziert oder ganz eingestellt. Dies zwingt legale Betreiber, auf teurere internationale Zahlungsdienstleister auszuweichen, was ihre Gewinnmargen zusätzlich belastet. Kunden erleben längere Wartezeiten bei Ein- und Auszahlungen, was die Attraktivität lizenzierter Anbieter weiter mindert.
Ausblick: Markt vor grundlegender Neuausrichtung
Der belgische Glücksspielmarkt steht vor einer grundlegenden Neuausrichtung. Die Regulierungsbehörden zielen auf nachhaltigen Spielerschutz, riskieren dabei aber eine Abwanderung zu illegalen Anbietern. Branchenverbände fordern eine Überprüfung der Maßnahmen, da sie den Schwarzmarkt stärken könnten. Erste Gespräche zwischen Regierung und Industrie über mögliche Anpassungen haben bereits begonnen.
Ob sich der Markt stabilisiert oder weiter schrumpft, werden die vollständigen Zahlen für 2025 zeigen. Klar ist bereits jetzt: Die Phase des schnellen Wachstums ist vorerst beendet. Experten prognostizieren eine weitere Konsolidierung mit weniger, aber größeren Anbietern, die sich auf Compliance und verantwortungsvolles Spielen spezialisieren.














