Die niederländische Glücksspielbranche schlägt Alarm: Die drastischen Steuererhöhungen der vergangenen Monate führen zu einem Exodus der Spieler in den Schwarzmarkt. Ein Branchenbündnis warnt die Regierung vor sinkenden Steuereinnahmen und fordert eine Überprüfung der aktuellen Steuerpolitik. Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache: Das lizenzierte Bruttospielergebnis brach im ersten Halbjahr 2025 um 25 Prozent ein.
Steuersatz steigt auf europäische Spitzenwerte
Seit Januar 2025 müssen niederländische Glücksspielanbieter 34,2 Prozent ihres Bruttospielergebnisses (GGR) an den Staat abführen. Im kommenden Jahr folgt eine weitere Erhöhung auf 37,8 Prozent. Damit katapultieren sich die Niederlande an die europäische Spitze der Glücksspielbesteuerung – ein zweifelhafter Titel, der ungewollte Konsequenzen zeitigt.
Die Branchenverbände belegen ihre Kritik mit harten Fakten: Während das lizenzierte GGR um ein Viertel schrumpfte, verzeichnen illegale Anbieter deutliche Zuwächse. Diese Entwicklung war vorhersehbar, denn hohe Steuern verteuern das legale Spiel und machen Schwarzmarkt-Alternativen attraktiver. Zum Vergleich: Deutschland erhebt eine Steuer von 5,3 Prozent auf Online-Sportwetten und 5,3 Prozent auf Online-Casinospiele, während Großbritannien mit 21 Prozent deutlich unter dem niederländischen Niveau bleibt.
Schwarzmarkt profitiert von restriktiver Politik
Die steuerliche Belastung ist nur ein Baustein einer insgesamt restriktiveren Glücksspielpolitik. Die neue Regierungskoalition aus D66, CDA und VVD plant ein vollständiges Werbeverbot für Online-Glücksspiel und verschärfte Aufsichtsregeln. Offiziell sollen diese Maßnahmen den Spielerschutz stärken – faktisch treiben sie jedoch Nutzer zu unlizenzierten Anbietern.
Illegale Plattformen operieren außerhalb der niederländischen Rechtsprechung und bieten weder Spielerschutz noch Steuertransparenz. Paradoxerweise schwächt die Politik damit genau jene Mechanismen, die sie eigentlich stärken wollte. Der regulierte Markt verliert nicht nur Kunden, sondern auch seine Vorbildfunktion. Experten schätzen, dass bereits 40 Prozent der niederländischen Online-Glücksspieler auf unlizenzierte Anbieter ausgewichen sind.
Historischer Kontext der niederländischen Glücksspielpolitik
Die Niederlande liberalisierten ihren Online-Glücksspielmarkt erst im Oktober 2021 mit der Einführung des Koa (Kansspelautoriteit)-Lizenzierungssystems. Zuvor war Online-Glücksspiel illegal, was jedoch nicht verhinderte, dass niederländische Spieler massenhaft auf internationale Plattformen auswichen. Die ursprüngliche Idee war es, durch Regulierung sowohl Steuereinnahmen zu generieren als auch besseren Spielerschutz zu gewährleisten.
Die anfänglichen Steuersätze lagen bei 29 Prozent und galten bereits als hoch im europäischen Vergleich. Die sukzessiven Erhöhungen auf nun 37,8 Prozent haben jedoch eine kritische Schwelle überschritten, bei der die Wettbewerbsfähigkeit des legalen Marktes erheblich leidet. Branchenanalysten warnen, dass weitere Erhöhungen den regulierten Markt vollständig kollabieren lassen könnten.
Sportvereine und Gemeinnützige leiden mit
Die Auswirkungen beschränken sich nicht auf Glücksspielanbieter. Sportvereine und gemeinnützige Organisationen finanzieren sich teilweise über Abgaben aus dem legalen Glücksspiel. Schrumpft dieser Markt, fehlen wichtige Mittel für gesellschaftliche Projekte. Die Ironie: Eine Politik, die das Glücksspiel eindämmen will, schadet letztendlich auch sozialen Initiativen.
Konkret fließen jährlich rund 50 Millionen Euro aus Glücksspielabgaben in den niederländischen Sport. Diese Mittel finanzieren Nachwuchsförderung, Vereinsinfrastruktur und Anti-Doping-Programme. Ein weiterer Rückgang der lizenzierten Anbieter gefährdet diese Finanzierungsquelle erheblich. Der niederländische Sportbund NOC*NSF hat bereits Bedenken geäußert und unterstützt die Forderungen der Glücksspielbranche nach moderateren Steuersätzen.
Internationale Erfahrungen als Warnung
Branchenvertreter fordern deshalb eine strukturierte Neubewertung der Steuerpolitik. Ein entsprechender Bericht soll bis zum zweiten Quartal dem niederländischen Parlament vorgelegt werden. Dabei geht es nicht um Steuervermeidung, sondern um ein ausgewogenes System, das legale Anbieter nicht in die Unwirtschaftlichkeit treibt.
Internationale Erfahrungen stützen diese Argumentation. Frankreich beispielsweise musste 2019 seine ursprünglich hohen Steuersätze reduzieren, nachdem der Schwarzmarktanteil dramatisch angestiegen war. Ähnliche Entwicklungen zeigten sich in Italien und Spanien. Die sogenannte “Laffer-Kurve” – die besagt, dass ab einem bestimmten Punkt höhere Steuersätze zu geringeren Gesamteinnahmen führen – scheint auch im Glücksspielsektor zu gelten.
Europäischer Kontext zeigt Alternativen auf
Ein Blick auf andere europäische Märkte verdeutlicht das Dilemma. Länder mit moderateren Steuersätzen wie Deutschland oder Großbritannien schaffen es besser, Spieler im regulierten Bereich zu halten. Die niederländische Strategie der maximalen Besteuerung erweist sich als kontraproduktiv – sowohl für Steuereinnahmen als auch für den Verbraucherschutz.
Besonders bemerkenswert ist der deutsche Ansatz: Dort wurde bewusst ein niedriger Steuersatz gewählt, um die Attraktivität des legalen Marktes zu erhalten. Gleichzeitig investiert Deutschland erheblich in Präventionsprogramme und Spielerschutzmaßnahmen. Diese Kombination aus moderater Besteuerung und starkem Verbraucherschutz könnte als Vorbild für die Niederlande dienen.
Die kommenden Monate werden zeigen, ob die niederländische Regierung bereit ist, ihre Strategie zu überdenken. Eine Korrektur wäre nicht nur wirtschaftlich sinnvoll, sondern auch im Sinne des Spielerschutzes. Denn nur ein funktionierender legaler Markt kann die Standards durchsetzen, die illegale Anbieter systematisch unterlaufen. Die Koa hat bereits angekündigt, die Marktentwicklung genau zu beobachten und gegebenenfalls Empfehlungen für Anpassungen auszusprechen.














